Auf der Bank in der Umkleidekabine liegt eine gepackte Sporttasche, in ihr sieht man eine Checkliste für die Abgabe der Vereinskleidung, die Tür fällt zu und die Kamera zoomt aus dem Vereinsheim heraus. So endet der Kurzfilm „KABINE“. Der Film konzentriert sich auf die Kabine als Raum, in dem Körperlichkeit, Nähe, Zugehörigkeit, Rituale, Witze und Hierarchien verhandelt werden. Genau dort in der Kabine passieren Dinge, die zu einem Dropout führen können – es spricht nur keiner darüber.
Identifikation als Faktor für Dropout
Unter einem Dropout ist eine Person zu verstehen, „welche frühzeitig aus regelmäßigem Training und Wettkampf in einer Sportart […] ausgetreten ist“ (Würth et al. 2001). Er hat nicht nur Folgen für den Verein und Sport an sich, sondern geht auch mit erhöhter Einsamkeit und gesundheitlichen Problemen für die Betroffenen einher.
Schaut man sich verschieden Faktoren an, spielen zu viel Stress, zu wenig Motivation und zu wenig Identifikation eine Rolle. Der Mangel an Identifikation kann auf zu viel Druck im Team und zu wenig Unterstützung und Kommunikation zurückgeführt werden (vgl. Lath/Hoffmann 2023). Vom Dropout betroffen sind vor allem männliche Personen im Alter von 13-18 Jahren (vgl. Löbig et al. 2020).
Identifikation im Sportverein durch Männlichkeitsbilder
Es scheint also einen Zusammenhang zwischen Männlichkeit und der Identifikation im Sportverein zu geben. Wie sieht dieser Zusammenhang aus?
Jungen werden im Verlauf ihres Erwachsenwerdens mit Werten wie Härte, Stärke, Unabhängigkeit, Gewalt- und Risikobereitschaft, Körperlichkeit oder emotionale Kontrolle konfrontiert. Der Sport verstärkt diese kompetitiven Eigenschaften durch seinen Wettbewerbscharakter zusätzlich. Gleichzeitig fordert der Sport Kooperation, Fairness und Regelakzeptanz. Das kann äußere und innere Konflikte auslösen: Wann gilt Durchsetzungskraft als Stärke und wann als Aggression? Zu welchem Anlass ist weinen akzeptiert? Wann werden Emotionen als „männliche“ Professionalität anerkannt und wann ist man „unmännlich“? Wann gilt mein Körper als athletisch und wann als zu kurvig? Ist es überhaupt okay, den zu kommentieren? Kann ich nur dazugehören, wenn ich meinen Gegner beleidige? Darf ich auch ein anderes Vorbild als Ronaldo haben?
Diese Fragen bleiben oft unbeantwortet, weil kaum Räume für Dialoge gestaltet werden. Stattdessen erfolgt eine Anpassung an den einen Identitätsentwurf der beliebten Person im Team. Es werden teils destruktiven Verhaltensweisen übernommen und Bedürfnisse unterdrückt. Dieser Druck führt am Ende zu mangelnder Identifikation und zum Dropout.
Handeln: Kommunikative und emotionale Kompetenz bei Jungen fördern
Der Druck, einem Bild von einem jungen Mann zu entsprechen, wird beim Thema Dropout oft nicht ernst genommen. Doch ist Jungenarbeit im Sport wichtig und gesamtgesellschaftlich entscheidend für die Teilhabe aller Menschen im Sport.
Trainerfunktion als Schlüsselrolle
Maßgebend ist die (Vorbilds-)Rolle des Trainers/der Trainerin (vgl. Löbig et al. 2020). Grundsätzlich sollte der/die Trainer*in, Gewalt als Mittel zur Selbstregulation oder zur Sicherung von Zugehörigkeit ablehnen. Anstatt das eigene Ego in den Vordergrund zu stellen, soll Verantwortungsübernahme geübt werden: für sich und das eigene Team. Das funktioniert nur, wenn sich für die Besprechung von Konflikten Zeit genommen wird. Trainer*innen sollten ausstrahlen, dass die Kommunikation von Grenzen keine Schwäche ist, sondern ein wichtiges Signal für das Erkennen von Bedürfnissen ist.
So können Trainer*innen eine fragende Haltung einnehmen und regelmäßige Check-Ins planen (z.B. zu jedem ersten Training im Monat), wie es den Teammitgliedern geht und was sie beschäftigt. Fragen der Woche können in Trainings eingeplant werden, genauso wie Aktivitäten außerhalb des Platzes.
Hilfreich ist auch ein Blick auf das Variablenmodell der Jungenförderung (vgl. Neuber 2010). So sollten sich Trainingsübungen mit Jungen ausgeglichen zwischen verschiedenen Polen befinden: Zwischen Kooperation und Konkurrenz, Nähe und Distanz, Sensibilität und Kraft, Gewinnen und Verlieren.
Du willst mehr zum Thema erfahren oder dazu in den Austausch kommen? Im Projekt „KonsenS! Konfliktmanagement im Sport“ gibt es noch mehr Infos:
RECHTS IN DER SPALTE -KABINE | Video
Quellen:
Lath, Franziska / Hoffmann, Antje (2023): Bye Bye Sport! Das Phänomen Drop-Out. Was versteht man eigentlich unter Drop-out? Und wie kommt es dazu? Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT).
Löbig, Anna / Ehnold, Peter / Schlesinger Torsten (2020): „Da hatte ich einfach kein Interesse mehr daran.“ Analyse der Verläufe von Vereinsmitgliedschaftskarrieren jugendlicher Fußballer unter besonderer Berücksichtigung des Dropouts, in: Sport und Gesellschaft (17/1).
Neuber, Nils / Salomon, Sebastian (2010): Jungen fördern. Das Variablenmodell setzt bei Wünschen und Bedürfnissen von Jungen an, ohne ihre Probleme auszublenden - Bewegung, Spiel und Sport bieten dafür besonders gute Bedingungen, .n: Sportpädagogik (34), S. 2-9.
Würth, Sabine/Saborowski, Cathleen/Alfermann, Dorothee (2001): Dropout im Jugendsport - Determinanten für die Beendigung der sportlichen Laufbahn bei Kindern und Jugendlichen. In: Jan P. Janssen (Hg.): Leistung und Gesundheit - Themen der Zukunft Köln: bps-Verlag, S. 224-229.