Sport ist mehr als Bewegung und Sportvereine sind weit mehr als Orte für Training und Wettkampf. Sie bringen Menschen unterschiedlichster Herkunft, Generationen und Lebensentwürfe zusammen. Genau darin liegt ihre große gesellschaftliche Stärke – und zugleich ihre Verantwortung. Mit der überarbeiteten Positionierung „Klare Haltung für einen offenen und vielfältigen Sport in unserer demokratischen Gesellschaft“ machen der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Deutsche Sportjugend (dsj) deutlich: Sport ist parteipolitisch neutral, aber nicht wertneutral.
Hintergrund der neuen Positionierung sind zunehmende antidemokratische, menschenfeindliche und extremistische Entwicklungen, die längst auch den organisierten Sport erreichen. Vereine berichten von diskriminierenden Vorfällen und Einschüchterungsversuchen. Vorstände sind sich unsicher, wie sie Vorfälle bewerten und wann sie ggf. eingreifen soll(t)en.
Beratungsfälle auch in Hessen
Die Sportjugend Hessen berät seit vielen Jahren Vereine und Verbände im Umgang mit antidemokratischem Verhalten von Mitgliedern. Meistens handelt es sich hier um Diskriminierungen, Rassismus, Antisemitismus oder Sexismus. Im Jahr 2026 häuften sich Beratungsfälle im Vorfeld der Kommunalwahl. Vereins- und Verbandsverantwortliche berichteten, dass Mitglieder aus dem eigenen Sportverein-/verband auf Wahllisten der AfD standen. Dieses Verhalten widerspricht den Werten des Sports, der, wie in der Positionierung von DOSB/dsj beschrieben, zwar parteipolitisch neutral ist, aber nicht wertneutral. In der Beratung wurden erfolgreiche Wege des Umgangs besprochen.
Die Akteur*innen sollten sich entscheiden: entweder für eine Partei, die in Hessen per Urteil des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs das als rechtsextremer Verdachtsfall geführt wird oder für eine Mitgliedschaft bzw. ein Amt in einem Verein/Verband. In den oben genannten Beispielen entschied man sich für den Sport. Und um präventiv und rechtssicher aufgestellt zu sein, erfolgten im Rahmen der Beratung zudem Empfehlungen für widerstandsfähige Satzungen. Hierbei ging es zum einen um die Ergänzung der Grundsätze der Vereine/Verbände mit Bezug zu den Kinder- und Menschenrechten und unserer Verfassung. Zum anderen um die Aufnahme von abgestuften Sanktionen bis hin zum Vereinsausschluss bei Verletzung der in den Grundsätzen benannten Werte.
Klare Botschaft – klare Grenzen
Die Botschaft von DOSB und dsj, aber auch des LSBH und der Sportjugend Hessen sind eindeutig: Sportvereine stehen für Offenheit, Vielfalt, Respekt und demokratisches Miteinander. Diese Werte sind keine freiwillige Ergänzung des Sports, sondern gehören zu seinem Selbstverständnis. Demokratie zeigt sich dabei nicht nur in Wahlen oder Satzungen, sondern auch im täglichen Vereinsleben – etwa, wenn Mitglieder mitbestimmen, Vielfalt selbstverständlich gelebt und Verantwortung für die Gemeinschaft übernommen wird. Es gilt auch unterschiedliche Meinungen respektvoll auszuhalten, aber Meinungsfreiheit stößt dort an ihre Grenzen, wo andere Mitglieder diskriminiert oder ausgeschlossen werden bzw. wo die Werte unserer freiheitlich-demokratische Grundordnung angegriffen werden. DOSB/dsj fassen dies unter dem Oberbegriff „antidemokratisch“ zusammen.
Was umfasst „antidemokratisch“ konkret?
Die neue Positionierung beschreibt ausführlich, was unter „antidemokratischen Haltungen und Handlungen“ verstanden wird. Gemeint sind Einstellungen oder Verhaltensweisen, die sich gegen demokratische Grundrechte, den Schutz von Minderheiten, gesellschaftliche Vielfalt oder die demokratischen Strukturen des Sports richten. Antidemokratische Ideologien widersprechen damit unmittelbar den Grundprinzipien des organisierten Sports.
Relevante antidemokratische und menschenfeindliche Gruppierungen und Akteur*innen
Konkret benennen DOSB und dsj dabei exemplarisch verschiedene Phänomenbereiche und Organisationen, deren Ideologien den Werten des Sports entgegenstehen. Dazu zählen unter anderem rechtsextreme und völkisch-nationalistische Akteurinnen und Akteure wie die Alternative für Deutschland (AfD), Die Heimat (ehemals NPD), Der III. Weg, Die Rechte, die Identitäre Bewegung, sogenannte Reichsbürger und Selbstverwalter, völkische Siedlerinnen und Siedler sowie Generation Deutschland. Ebenso werden ultranationalistische Organisationen wie die türkische Ülkücü-Bewegung (Graue Wölfe) und die kroatische Ustaša-Bewegung genannt. Darüber hinaus richtet sich die Positionierung gegen religiös begründeten Extremismus – etwa dschihadistisch-salafistische und islamistische Gruppierungen sowie christlichen Fundamentalismus – ebenso wie gegen autoritäre beziehungsweise antiimperialistische linke Akteurinnen und Akteure, insbesondere dort, wo antisemitische Ideologien vertreten werden. Ebenfalls im Blick stehen rechtsextreme oder antidemokratische Netzwerke, Denkfabriken und sogenannte alternative Medien, die versuchen, Einfluss auf den Sport und seine öffentliche Wahrnehmung zu nehmen.
Was bedeutet das für die Vereinsarbeit?
Für die Vereinsarbeit bedeutet dies vor allem eines: Haltung zeigen! Es gilt die eigenen Werte konsequent zu vertreten und allen Mitgliedern ein sicheres und diskriminierungsfreies Umfeld zu bieten. Wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion, sexuellen Identität, Behinderung oder anderer persönlicher Merkmale ausgrenzt oder demokratische Grundwerte infrage stellt, handelt gegen das Selbstverständnis des Sports.
Unterwanderungsstrategien erkennen
Der Maßnahmenkatalog von DOSB und dsj richtet sich zwar unmittelbar an die eigenen Gremien und Organisationen, enthält aber wichtige Orientierungspunkte auch für Vereine. So sollen antidemokratische oder menschenfeindliche Akteurinnen und Akteure keine Plattform für ihre Ideologien erhalten. Gleichzeitig wird empfohlen, Vereine und Engagierte bei Angriffen oder Einschüchterungsversuchen zu unterstützen, über Unterwanderungsstrategien aufzuklären und eine klare, wertebasierte Kommunikation zu pflegen.
Sportpolitisches Gutachten
Im Gutachten von Richard Gebhardt (Die umkämpften Werte des Sports, 2025) wird die Sportpolitik der AfD analysiert und dem wertebasierten Selbstverständnis von DOSB und dsj gegenübergestellt. Es kommt zu dem Ergebnis, dass die AfD den Sport vor allem nationalistisch und identitätspolitisch instrumentalisiert und dabei den Werten von Vielfalt, Demokratie und Menschenrechten widerspricht. Gleichzeitig versucht sie, sich mit unverfänglichen sportpolitischen Forderungen als Ansprechpartner des organisierten Sports zu etablieren. Das Gutachten warnt vor Strategien der Normalisierung und Einflussnahme auf Sportvereine und empfiehlt eine klare Orientierung an den demokratischen Grundwerten des Sports.
Verhalten einer Person entscheidend – nicht Parteizugehörigkeit
Besonders wichtig ist dabei ein differenzierter Blick: Nicht die bloße Mitgliedschaft in einer nicht verbotenen Partei entscheidet, sondern das konkrete Verhalten einer Person. Ein Sportvereinsmitglied oder Funktionsträger, der am Stand der AfD für diese Partei wirbt oder auf der Wahlliste der AfD zur Kommunalwahl steht, zeigt ein konkretes Verhalten, das dem Wertekanon des Sports widerspricht. Diese Bewertung würde auch für jede andere Partei oder Organisation zutreffen, deren Programm und Handeln dem der AfD entspricht bzw. ähnelt.
Damit schaffen DOSB und dsj eine Orientierung, die sowohl rechtlich tragfähig als auch praxisnah ist. Die Beratung der Sportjugend Hessen orientiert sich genau hieran. In den oben genannten Beispielen ging es nicht um Wahlverhalten oder Mitgliedschaft in der AfD, sondern um konkrete, öffentliche Handlungen, die den jeweiligen Verein/Verband schädigen. Dies gilt für alle Parteien oder Organisationen. Solche Handlungen schüren Konflikte im Verein und verunsichern Menschen, die vielleicht sogar austreten, weil sie sich nicht mehr willkommen oder gar nicht mehr sicher fühlen.
Für Vereinsvorstände und Engagierte bedeutet die neue Positionierung vor allem Rückenwind. Sie macht deutlich, dass Vereine mit einer klaren Haltung nicht alleinstehen. Im Gegenteil: Der organisierte Sport versteht sich als solidarische Gemeinschaft, die ihre Mitglieder unterstützt, wenn demokratische Werte unter Druck geraten.
Sportvereine bleiben damit das, was sie seit jeher auszeichnet: Orte der Begegnung, der Gemeinschaft und des gegenseitigen Respekts. Gerade in gesellschaftlich herausfordernden Zeiten können sie als Teil einer engagierten Zivilgesellschaft einen entscheidenden Beitrag leisten, das Miteinander zu stärken, Einzugreifen, wo es notwendig ist und damit unsere Demokratie im Alltag erlebbar zu machen.
Beratungsangebot
Vereine und Verbände können sich bei Unsicherheiten im Umgang mit antidemokratischen Handlungen ihrer „einfachen“ Mitglieder bzw. Funktionsträger*innen etc. an die Beratungsstelle der Sportjugend Hessen wenden. Die kostenlose Beratung erfolgt vertraulich. Sie umfasst neben dem konkreten Umgang mit der aktuellen Situation auch Präventionsmaßnahmen, wie z.B. einen „Satzungs-Check“ oder einen Leitbild-Workshop, um die Werte des Vereins mit möglichst vielen Mitgliedern zu klären und zu vereinbaren.
Online-Fortbildung zum Thema:
Umgang mit antidemokratischen Handlungen und Haltungen im Verein
Termin: 24.05.2027 von 17:00-18:30 Uhr
Angelika Ribler