Wetzlar. 30. Januar 2026 – Einsamkeit ist längst kein Randphänomen mehr, sondern eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung – insbesondere für junge Menschen. Mit dem Projekt „Fit und verbunden gegen Einsamkeit“ (FIVE) startet nun ein neues Modellvorhaben, das gezielt auf die präventive und stärkende Wirkung von gemeinschaftlichem Sport setzt. Beim Kick-off in Wetzlar kamen Vertreter*innen aus Sport, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um das Projekt offiziell vorzustellen.
Ziel von FIVE (Fit und verbunden gegen Einsamkeit)
Ziel von FIVE ist es, Einsamkeit frühzeitig zu begegnen und soziale Teilhabe zu stärken. Dabei steht nicht allein Bewegung im Fokus, sondern vor allem das gemeinsame Erleben von Sport als sozialem Raum: Sportvereine und Sportgruppen sollen als Orte der Begegnung, Zugehörigkeit und Verlässlichkeit gestärkt werden – insbesondere für Jugendliche mit erhöhtem Einsamkeitsrisiko. Einsamkeit bedeutet dabei mehr als Alleinsein. Sie beschreibt das schmerzhafte Gefühl fehlender sozialer Eingebundenheit und wirkt sich nachweislich auf psychische und körperliche Gesundheit aus. Gerade im Jugendalter, einer Phase tiefgreifender sozialer und emotionaler Entwicklung, können fehlende stabile Beziehungen langfristige Folgen haben.
Kindheit und Jugend im Fokus
In ihrem Grußwort machte Marie‑Theres Hellenkamp deutlich, dass sich die Erzählungen über Einsamkeit oft auf ältere Menschen beziehen – eine Sicht, die spätestens seit der Corona‑Pandemie nicht mehr trägt. Jugendliche sahen sich mit starken psychischen und körperlichen Veränderungen konfrontiert; Schlafstörungen, Leistungsabfall bis hin zu suizidalen Gedanken können Folgen mangelnder Verbundenheit sein. Besonders belastet sind junge Menschen mit Migrationsgeschichte, Behinderung oder LGBTQIA+‑Zugehörigkeit sowie Kinder und Jugendliche aus finanziell belasteten Familien. Einsamkeit schwächt darüber hinaus demokratische Zugewandtheit und Vertrauen ins Gemeinwesen. Hellenkamp betonte zugleich die Grenzen rein digitaler Kontakte und KI‑gestützter Tools: Sie können Entscheidungen begleiten – menschliche Nähe, Mimik, Gestik und gelebtes Miteinander ersetzen sie nicht. Ihre zentrale Botschaft:
„Sportvereine sind für viele Kinder und Jugendliche weit mehr als ein Ort der Bewegung. Sie sind soziale Lernräume, in denen Freundschaften entstehen, Vertrauen wächst und junge Menschen erleben, dass sie dazugehören. Gerade im Kinder‑ und Jugendsport können wir Einsamkeit frühzeitig begegnen, indem wir Gemeinschaft erlebbar machen.“ so Marie-Theres Hellenkamp
Wissenschaftliche Einordnung: Zugehörigkeit schützt
Prof. Dr. Jan Häusser (Justus‑Liebig‑Universität Gießen) ordnete ein, warum Einsamkeit „weh tut“ und wie Gruppen unser Wohlbefinden schützen. Menschen suchen die Gesellschaft anderer – etwa in Gruppen und Vereinen. Soziale Einbindung fungiert als Ressource für Kooperation, Trost/Schutz und gesunden sozialen Vergleich. Schon schwache Formen des Ausschlusses mindern Selbstwert und Stimmung; geteilte soziale Identität fördert gegenseitige Unterstützung, reduziert Stress und wirkt sich positiv auf Gesundheit aus. Häusser:
„Der Mensch ist ein extrem soziales Tier und daher stellen soziale Eingebundenheit und die Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen zentrale Faktoren für Gesundheit und Wohlbefinden dar. Der Einfluss ist oft stärker als der ‚klassischen‘ Gesundheitsverhaltens – zum Beispiel Ernährung oder Bewegung – wird aber von Laien wie Experten häufig unterschätzt.“
Viola Kaets freute sich auf den Austausch der rund 50 Gäste zur Auftaktveranstaltung:
„Die Sportjugend Hessen steht beispielhaft dafür, wie junge Menschen mit Einsamkeitserleben im ländlichen Raum erreicht werden sollen: Mutig, vernetzt und nah an ihren Lebenswelten. Als Deutscher Olympischer Sportbund freuen wir uns, dass so viele heute zur Auftaktkonferenz in Wetzlar gekommen sind und sind gespannt auf die Ideen und konkreten Bewegungsangebote, die im Rahmen von Fit und verbunden gegen Einsamkeit entstehen werden“, so Kaets, DOSB-Projektleiterin im Projekt FIVE.
Konkrete Schritte in der Region Lahn‑Dill (bis 2027)
Projektleiterin Désirée Heß stellte die regionalen Bausteine vor. Ausgangspunkt ist die einfache, aber präzise Diagnose: „Wo Ausschluss entsteht, ist Einsamkeit nicht weit.“ FIVE begegnet dem mit Maßnahmen, die Vielfalt, Teilhabe und Antidiskriminierung stärken:
- Qualifizierung & Fortbildungen (u. a. Gemeinsam stark am 7. und 14. März 2026),
- Digitale Informationsreihe und eine Aktionswoche gegen Einsamkeit,
- Förderung von Bewegungsmaßnahmen in Vereinen,
- Netzwerkaufbau und Allianz gegen Einsamkeit mit Zugang zu Infos, Beratung, Förderungen, Mitgestaltung und Ressourcenbündelung (Suche & Biete).
- Gewinnung neuer Mitglieder und Teilnehmender sowie neuer Ehrenamtlicher.
Bei der Auftaktveranstaltung diskutierten die Teilnehmenden an Pinnwänden zu zwei Leitfragen:
- Wo begegnet Ihnen Einsamkeit im Arbeitskontext?
- Was braucht es, um das Thema Jugendeinsamkeit in der Region anzugehen?
Die Antworten fließen direkt in die Arbeit der regionalen Allianz gegen Einsamkeit ein.
Warum Gemeinschaftssport einen Unterschied macht
FIVE rückt die soziale Qualität von Bewegung in den Mittelpunkt: Empathie üben, Konflikte fair austragen, Teil von etwas Größerem sein, Zugehörigkeit erleben, Identität entfalten („Hier darf ich ich sein“) – all das entsteht in Gruppen und Vereinen. Regelmäßige Trainings, gemeinsame Erfolge und verlässliche Beziehungen sind Schutzfaktoren gegen Einsamkeit – gerade im Kinder‑ und Jugendsport. Wo junge Menschen sich gesehen, verstanden und verbunden fühlen, wächst Vertrauen – in sich selbst, in andere und in das Miteinander. Genau hier setzt FIVE an.