Perspektiven der Integrationsarbeit im Sport

Anregender Austausch auf dem Fachkongress in Frankfurt

Programm "Integration durch Sport"
Großes Auditorium beim Vortrag von Prof. Ulrike Burrmann
Aufmerksamer Teilnehmer des Workshops „Integration konkret erlebt“: Cacau (Fotos: Uwe Winter)

150 Vertreter aus den Bereichen Sport, Wissenschaft, Politik und interessierter Öffentlichkeit tauschten sich in Frankfurt zu den Chancen und Herausforderungen der Integrationsarbeit für die Vereinsentwicklung aus. Der Sportjugend Hessen und dem Sportkreis Frankfurt, als Organisatoren, war es besonders wichtig die Integrationsarbeit der letzten Jahre, wie sie in Vereinen und Verbänden durchgeführt wurde durchaus kritisch unter die Lupe zu nehmen. Neue Inputs aus der Wissenschaft sowie verschiedenen europäischen Nachbarländern sorgten dafür, dass die Akteure der Integrationsarbeit im Sport viele neue Handlungsempfehlungen mit nach Hause nehmen konnten. Unterstützung erhielt der Kongress durch das Hessische Ministerium des Innern und für Sport (HMdIS).

Zwei Programme, das Bundesprogramm „Integration durch Sport“, gefördert vom Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, sowie das Landesprogramm „Sport und Flüchtlinge“, das eine Förderung vom HMdIS erhält, werden derzeit von der Sportjugend Hessen betreut und weiterentwickelt. „Sich Personen unterschiedlicher Herkunft zu öffnen und diesen Menschen besondere Angebote zu machen, darin unterstützt die Sportjugend Hessen Verbände und Vereine bereits seit Jahrzehnten“, erklärte Juliane Kuhlmann, Vorsitzende der Sportjugend Hessen. „Wir setzen uns für eine lebendige und reichhaltige Vereinskultur ein.“  
Aktuell berät und unterstützt die Sportjugend Hessen 350 Sport-Coaches, 250 hessische Gemeinden, über 160 Integrations-Stützpunktvereine sowie weitere Akteure aus den Bereichen Sport und Integration.

Der Sportkreis Frankfurt als Dachorganisation von rund 420 Turn- und Sportvereinen ist seit vielen Jahren mit Integrationsprojekten vertraut. Zahlreiche jugendliche Flüchtlinge nutzen Angebote der Sportkreisjugend z. B. in den Sportjugendzentren oder im Boxcamp Gallus. „Der Kongress war für uns eine ideale Plattform um unsere bisherige Arbeit aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und neue Anregungen für die Zukunft mitzunehmen. Der Mix aus wissenschaftlichem Input, persönlichen Erfahrungen von Sportlern und Aktiven in den Vereinen sowie Projekten aus den europäischen Nachbarländern hat zu einer Erweiterung des Horizonts beigetragen“, führte Roland Frischkorn, Vorsitzender des Sportkreis Frankfurt aus. Für ihn ist Integration in erster Linie „gleichberechtigte Teilhabe aller“. In diesem Zusammenhang führt er als Positivbeispiel den Mitternachtssport in Frankfurt an. Hier sind über 60 Übungsleiter aktiv, die alle Migrationshintergrund haben und ursprünglich als Teilnehmer begonnen haben.

Interkulturelle Öffnung und langer Atem
Prof. Dr. Torsten Jürgen Schlesinger (Ruhr-Universität Bochum) befasste sich mit Einstellungen der Vereine, deren Handlungen und Wirkungen im Rahmen der Integrationsarbeit im Sport liegen. Dabei stellte er auch Vergleichsdaten aus europäischen Nachbarländern vor. Schlesinger hält es für sinnvoll, innerhalb des Vereins eine Leitbilddiskussion in Gang zu setzen und sich auf die Suche nach möglichen Barrieren zu machen. „Unbedingt sollten am Prozess der Organisationsentwicklung auch die Migranten selbst beteiligt werden. Hilfreich ist es zudem, Fortbildungen in interkultureller Kompetenz im Verein anzubieten.“

Seine Kollegin Prof. Dr. Ulrike Burmann (Technische Universität Dortmund) nahm Bezug auf die Soziologischen Einflüsse, die auf ein Sportengagement von Individuen wirken. Sie gab den Teilnehmenden verschiedene Handlungsempfehlungen mit auf den Weg. „Um Heranwachsende mit Migrationshintergrund bzw. Fluchterfahrung in die Vereine zu integrieren“, sagte Burmann, „ist es wichtig, innerhalb der Vereine auf ein niedrigschwelliges, offenes und kostengünstiges Angebot zu achten. Insbesondere spezielle Sportangebote für Mädchen und Frauen sollten nicht vergessen werden. Kooperationen und kommunale Vernetzung tragen ebenso zum Gelingen bei wie die Einbindung von Multiplikatoren und ein langer Atem.“

Prof. Dr. Sebastian Braun (Humboldt-Universität Berlin) beleuchtete das ehrenamtliche und freiwillige Engagement im Kontext von sportbezogener Integrationsarbeit von Vereinen. „Die Vereinsentwicklung kann positiv gesteuert werden, wenn neue und zeitgemäße Formen des Ehrenamtes genutzt werden“, empfiehlt Braun. Diese zeichnen sich u. a. durch vielfältige, zeitlich befristete, pragmatische und tätigkeitsorientierte Engagements aus. Die Laientätigkeit kann durch Menschen, die ausbildungsorientiert, (semi-)professionell agieren ersetzt werden.  

Blick über die Grenzen
Durch die Vorstellung des Projekts „Paris Sport Réfugiés“ wurde ein konkretes Projekt aus dem Nachbarland Frankreich genauer betrachtet. Inhaltliche Parallelen zu dem hessischen Weg, dem Landesprogramm Sport und Flüchtlinge, wurden dabei erkennbar. Eine interessante Feststellung, denn die Sportsysteme an sich sind in Frankreich und Deutschland recht unterschiedlich. Ein weiterer Austausch auf europäischer Ebene fand mit dem Leiter der Sports Unit der EU-Kommission, Yves Le Lostecque, statt.

Berichte von Leistungs- und Breitensportlern mit Migrations- oder Fluchthintergrund verdeutlichten ganz persönliche Schicksale und Lebenswege. Den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen und hier zu hinterfragen, wie der Sport bei der Integration in Deutschland tatsächlich geholfen und welche Bedeutung er bis heute hat, war das Ziel. Zu Wort kamen Cacau (Integrationsbeauftragter des DFB), Sarah Bizzit (Box-Club Hochheim), Wael Shueb (Karatekämpfer, für das Olympia 2020-Flüchtlingsteam nominiert), drei Vertreter vom Frankfurt Cricket Club e.V. (Salim Khan, Asif Khan, Abhijit Khan) und zwei Fußball-Schiedrichter/in aus Frankfurt (Redwan Halaweh, Helen Yohannes Abraham).

Teilnehmer kommen zu Wort
In praxisorientierten Workshops gab es dann die Gelegenheit die Inhalte des Tages weiter zu vertiefen, sich dazu auszutauschen und die Übertragbarkeit in die alltägliche Arbeit zu überprüfen. Dabei war besonders spannend zu hören, welche Handlungsempfehlungen teilweise schon umgesetzt werden und welche Erfahrungen damit gemacht wurden – wo weitere Stellschrauben zu drehen sind und in welchem Umfang die Identität sowie die Rahmenbedingungen der einzelnen Vereine einen Einfluss auf das Gelingen der Integrationsarbeit haben.

In einer abschließenden Podiumsdiskussion wurde der Blick in die Zukunft gerichtet. Hierbei sieht Sadia Biladama, Vorstandsmitglied der Sportjugend Hessen, besonderes Potential im Bereich Engagemententwicklung, welches sicherlich ein Schwerpunkt in der Integrationsarbeit der Sportjugend in den kommenden Jahren sein wird. Auch Ralf-Rainer Klatt, als Vizepräsident im Landessportbund Hessen zuständig für Integrationsarbeit, nimmt abschließend das Thema neues Ehrenamt auf: „Ehrenamtliche Tätigkeit muss am Ende immer noch auf Freiwilligkeit beruhen. Freiwilligkeit muss freiwillig bleiben.“ Damit ging er auf Konfrontationskurs zu Prof. Dr. Sebastian Braun, der als ein Element des modernen Ehrenamtes durchaus Honorartätigkeiten und Niedriglohnbeschäftigungen anstelle des unentgeltlichen Engagements sieht. Hier tat sich ein breites Diskussionsfeld auf, in welchem auch über die Notwendigkeit von Hauptamt in Vereinen diskutiert wurde. Darüber hinaus betonte Klatt die Bedeutung der Kooperation zwischen Schule und Verein für die Integrationsarbeit, da in den Schulen die breite Basis der Menschen mit Zuwanderungsgeschichte erreicht werden kann.


Bereichernd, beeindruckend und fortzuführen
Die Rückmeldungen, die die Sportjugend Hessen und der Sportkreis Frankfurt von den Teilnehmenden erhalten haben, waren durchweg positiv. Der Blick aus wissenschaftlicher Sicht hat für neue Erkenntnisse gesorgt und die Beteiligten darin bestätigt, sich weiterhin zu engagieren. Die Beiträge der Referenten haben zudem bestehende Ansätze der Integrationsarbeit, wie das Denken und Agieren in Netzwerken bestätigt. Auch die Beratung und Begleitung von Vereinen hin zu einer interkulturellen Öffnung im Sinne einer Vereinsentwicklung ist ein richtiger Ansatz. Beeindruckt hat zudem, unter welchen Bedingungen die „Kollegen“ aus Paris arbeiten und was sie daraus entwickeln. Es wurde deutlich unter welch guten Rahmenbedingungen wir in Deutschland und speziell in Hessen agieren können. Die Organisatoren sind sich einig darüber, dass die Art des Austausches untereinander für alle eine Bereicherung dargestellt hat, die es zu wiederholen gilt.