

Bewegung, Spiel und Sport zählen zu den beliebtesten und häufigsten Freizeitbeschäftigungen von Kindern und Jugendlichen. Zugleich tragen regelmäßige Bewegungsaktivitäten zu einer gesunden Entwicklung bei. Sportlich aktive Heranwachsende sind gesünder als nicht aktive, fühlen sich wohler, erleben mehr sozialen Rückhalt und klagen über weniger körperliche Beschwerden (vgl. Sygusch, Brehm & Ungerer-Röhrich, 2003). Der wichtigste Sportanbieter im Kindes- und Jugendalter ist nach wie vor der Sportverein. Allerdings erreicht er nicht alle Heranwachsenden gleichermaßen. Sozial Benachteiligte, Migrantinnen und Migranten sowie Mädchen zieht es deutlich weniger in den Verein als Jungen deutscher Herkunft aus mittleren sozialen Lagen (vgl. Schmidt, Hartmann-Tews & Brettschneider, 2003). Insbesondere der soziale Status hat darüber hinaus entscheidenden Einfluss auf die erlebte und tatsächliche Gesundheit der Mädchen und Jungen. So leiden sozial Benachteiligte deutlich häufiger unter Bewegungsmangel und Übergewicht als privilegierte Jugendliche (vgl. Hurrelmann u.a., 2003).
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, möglichst vielen Heranwachsenden einen motivierenden Zugang zu vielfältigen und attraktiven Bewegungsangeboten zu bieten. Die Angebotspalette sollte dabei weit über den klassischen Schulsportkanon hinausreichen und auch Themenbereiche wie Trendsportarten, Teamtraining, Entspannung und Ernährung umfassen. Besonders wichtig ist es, Zusammenhänge von Bewegung, Ernährung und Entspannung erfahrbar zu machen und dazu unmittelbar bei den Lebenswelten Jugendlicher anzusetzen und ihre Bedürfnisse und Interessen aufzugreifen. Es geht also nicht um moralische Appelle zu einer gesunden Lebensführung, sondern um das Erleben und Erfahren eines vielfältigen und spannungsreichen Sporttages, der zugleich sport- und gesundheitsrelevante Informationen liefert. Die folgenden Ausführungen bieten Hintergrundwissen zu den Bereichen Jugend in der Moderne, Sportengagement von Jugendlichen und Gesundheit im Jugendalter.
Unsere gegenwärtige Gesellschaft ist durch einen rasanten Wandel gekennzeichnet, der mit Begriffen, wie Individualisierung und Pluralisierung, Differenzierung und Enttraditionalisierung, umschrieben wird. Auch und gerade Jugendliche sind diesen gesellschaftlichen Veränderungen ausgesetzt (vgl. Deutsche Shell, 2003). Auf der einen Seite führt das zu einer Vermehrung von Handlungsalternativen. Auf der anderen Seite kann diese Entwicklung aber auch Verunsicherungen und Orientierungsprobleme hervorrufen: „Einerseits wird das Individuum aus überkommenen Bindungen freigesetzt, wodurch es mehr Entscheidungschancen und Lebensoptionen erlangt. Anderseits verliert es (...) zusehends (...) gesellschaftlich ‚garantierte’ Verlässlichkeiten (z.B. beim Übergang von der Ausbildung zum Beruf oder im Hinblick auf einen ‚berechenbaren’ Lebensweg)“ (Hitzler, Bucher & Niederbacher, 2001, S. 14). Jugendliche werden so zu Konstrukteuren ihrer eigenen Entwicklung, was Risiko und Chance zugleich bedeutet (Hurrelmann, 2004).
Diese widersprüchliche Ausgangslage ist für die Mehrzahl der Heranwachsenden heute eine große Herausforderung. Es erstaunt daher nicht weiter, dass ‚Jugend’ am Beginn des 21. Jahrhunderts ausgesprochen vielschichtig ist. Konnten vor zehn, fünfzehn Jahren noch Trends in der Jugendkultur identifiziert werden, sind eindeutige Festlegungen heute fast unmöglich (Ferchhoff, 1999). Will man trotzdem spezifische Charakteristika der heutigen Jugendgeneration beschreiben, kommt man um Gegensätze nicht umhin.
So unterscheidet ein zentraler Ansatz der Jugendforschung zwischen dem Gegenwarts- und Zukunftsbezug der Heranwachsenden: Leben die Jugendlichen eher im Hier und Jetzt oder arbeiten sie an einem schnellen Übergang ins Erwachsenenalter (vgl. Reinders, 2003). Charakteristisch scheint dabei zu sein, dass Jugendliche oft auf unterschiedlichen Ebenen zugleich handeln. Wopp (1999, S. 343) spricht in diesem Zusammenhang von der Sowohl-als-auch-Generation, die unter anderem durch folgende Merkmale charakterisiert ist:
Der gesellschaftliche Wandel geht auch am Sport nicht spurlos vorüber. Immer wieder entstehen neue Bewegungstrends und Sportarten, Moden und Szenen. Die Vielfalt zeigt sich insbesondere in den Feldern, den so genannten Settings, jugendlichen Sportengagements (Neuber, 2004). Der Schulsport ist für die Jugendlichen ein ambivalenter Erfahrungsraum. Auf der einen Seite bietet er freudvolle Abwechselung und Ausgleich zum Schulalltag, auf der anderen Seite ist er ein Ort, an dem sie Erfolg und Misserfolg, Selbstwirksamkeit und Versagen in zum Teil massiver Form erleben. Prohl (2006, S. 99-102) spricht darum von einer ‚doppelten Paradoxie des Sportunterrichts’. Der Vereinssport ist für die Heranwachsenden ein eindeutigeres Erfahrungsfeld. Der Sportverein ist für sie vor allem ein Ort, „an dem ihren sportlichen Interessen Rechnung getragen, ihre sportlichen Ambitionen unterstützt und ihre sportlichen Leistungen systematisch verbessert werden“ (Brettschneider 2003, S. 28). Zugleich bietet er Möglichkeiten für soziale Kontakte, Engagement und Entspannung (Neuber, 2003). Bindungsraten von bis zu 50% im Jugendalter sprechen für das Angebot der Vereine.
Neben diesen traditionellen Sportanbietern kommt dem Selbstorganisierten Sport zunehmende Bedeutung zu. So bewegen sich 53% der Jugendlichen sowohl im Verein als auch außerhalb des Vereins; immerhin 42% bewegen sich ausschließlich außerhalb des Vereins (Brettschneider & Kleine, 2002, S. 106). Zu den wesentlichen Motiven für selbstorganisierten Sport gehören der Wunsch nach alternativen, nicht wettkampfgebundenen Sportaktivitäten, der Sport in der Gruppe ohne die Kontrolle von Erwachsenen sowie die selbstbestimmte Gestaltung des sportlichen Engagements. Schließlich streben immer mehr Kommerzielle Sportanbieter, wie Fitnessstudios, Kampfsportcenter oder Tanzschulen, auf den boomenden Sportmarkt. Die Bindungsraten Jugendlicher sind hier noch relativ gering, nehmen aber stetig zu (Brettschneider & Kleine, 2002). Insgesamt ist das Sportengagement von Jugendlichen so vielfältig wie die Gesellschaft, in der es stattfindet. Allerdings gibt es nur sehr wenige Heranwachsende, die sportlich völlig desinteressiert sind – Sport wird als jugendspezifische Altersnorm (Zinnecker, 1993), als fester Bestandteil jugendlicher Lebensstile verstanden.
Jugendliche haben ein vergleichsweise geringes Erkrankungsrisiko. Akute Infektionskrankheiten werden von der Medizin heute weitgehend beherrscht. Chronische Erkrankungen, wie Krebs oder Herz-Kreislaufstörungen, treten im Jugendalter selten auf. Zudem fühlen sich die meisten Heranwachsenden gesund. In einer repräsentativen Studie bewerten 78% der 10-18jährigen ihren Gesundheitszustand mit „gut“ oder „sehr gut“, und nur 1% schätzt den eigenen Gesundheitszustand als „mangelhaft“ ein (Zinnecker u.a., 2002, S. 105). Gesundheit ist daher für die meisten Jugendlichen „kein Problem und damit auch kein zentrales Thema ihres Alltags“ (Sygusch, 2000, S. 190). Dementsprechend ist die Förderung der Gesundheit kein zentrales Motiv für die Aufnahme sportlicher Aktivitäten – im Gegenteil: Gesundheit wird als eine von Erwachsenen erfundene Idee zur ‚Disziplinierung’ von Jugendlichen empfunden (Seiffke-Krenke, 1999, S. 9). Setzen Bewegungs- und Sportangebote ausdrücklich auf ‚Gesundheit’, wirkt das auf Heranwachsende eher abschreckend.
Gleichwohl sind Jugendliche heute nicht so gesund, wie es auf den ersten Blick scheint. Fragt man konkret nach, klagen bspw. 51% der Mädchen und Jungen über Kopfschmerzen, 49% über Nervosität/Unruhe und 44% über Sorgen/Ängste, die sie beschäftigen (Zinnecker u.a., 2002, S. 107).
Vor allem psychosomatische Störungen, wie Fehlsteuerungen des Immunsystems, Störungen der Nahrungsaufnahme und des Essverhaltens, Fehlsteuerungen der Sinneskoordination oder die unzureichende Bewältigung von psychischen Beanspruchungen und sozialen Anforderungen, sind auf dem Vormarsch (Hurrelmann, 2003, S. 15-17). Entwicklungsbedingte Beschwerdebilder, die etwa mit einer erhöhten Selbstaufmerksamkeit in der Pubertät einhergehen, werden ergänzt durch Stress in Schule bzw. Ausbildung. Der vom sozialen Umfeld vermittelte Leistungs- bzw. Erfolgsdruck spiegelt sich in den hohen Leistungsansprüchen der Jugendlichen selbst wider (Seiffke-Krenke, 1999, S. 15). Insgesamt erweist sich das Jugendalter damit als relativ ‚gesunde’ Lebensphase, in der aber aufgrund der hohen Anforderungen im Übergang zum Erwachsenenalter zahlreiche psychosomatische Beschwerden zu verzeichnen sind.
Die Sportjugend Hessen reagiert auf die Vielfalt jugendlicher Lebenswelten, die widersprüchlichen Anforderungen in Schule und Gesellschaft, aber auch die Bedürfnisse und Interessen der Heranwachsenden auf.
Mit dem SportsFinderDay und mit der Sportsfun Initiative erhalten Vereine und Schulen vielfältige Unterstützung für jugendgemäße und gesundheitsfördernde Angebote für junge Menschen.
Die Fortbildungsangebote bieten neben dem „klassischen“ Angebot auch aktuelle Bewegungstrends und kommen damit dem zunehmenden Bedürfnis Jugendlicher nach Abwechselung und Vielfalt nach. Gerade sportabstinente Mädchen und Jungen brauchen Alternativen zum klassischen Wettkampfsport.
Zahlreiche Fortbildungen und Bildungsmaßnahmen vor Ort zielen auf die Förderung sozialer Kontakte sowie die Kooperation in Gruppen. Über erlebnispädagogische Inszenierungen werden auch zentrale Bedürfnisse Heranwachsender aufgegriffen. Darüber hinaus zählt der Rückhalt in der Gruppe zu den entscheidenden Faktoren einer gesunden Entwicklung.
In der Hektik des Alltags haben viele Jugendliche nicht die Zeit für ein entspanntes Essen. Auch nehmen sie kaum noch wahr, was sie eigentlich genau zu sich nehmen. Sowohl unsere Bildungsangebote als auch die Jugendreisen greifen Ernährung im Lebensalltag Heranwachsender auf. Die Initiative „Mehr Bewegung in den Kindergarten“ wurde 2008 um den Baustein „Ernährung“ erweitert und bietet unter anderem Elternabende zu diesem Thema an.