Einleitung
Wie Sie dem Titel des Vortrages entnehmen können, beschränke ich mich nicht grundsätzlich auf Rassismus im Sport, sondern ich werde die Problematik wesentlich allgemeiner bzw. grundsätzlicher schildern. Sie werden im Verlaufe des Vortrages erkennen, dass Rassismus – im Sinne von Abwertung anderer auf Grund der Bewertung biologischer Unterschiede – eine extreme Konfliktsituation bzw. Abwehrhaltung in interkulturellen Begegnungen sein kann.
Als Interkulturell ist hier zu verstehen, sich mit der Verschiedenartigkeit Anderer auseinander zu setzen und dabei auch zumutbare Veränderungen zu berücksichtigen.
Die Erziehung hat in diesem Zusammenhang zum Ziel, den wechselseitigen Umgang einer Mehrheit und einer Minderheit bzw. einzelner Teilgruppe innerhalb eines gesellschaftlichen Gefüges zu verbessern.
Das Ganze spielt sich im Feld der Bewegung bzw. des Sportes ab.
Zu den sportwissenschaftlichen Bemühungen
In der Sportwissenschaft befasst man sich im Vergleich zu den allgemeinen Erziehungswissenschaften noch nicht all zu lange mit dieser Thematik. Es liegen mittlerweile einige Ansätze in Form von theoretischen Konzeptionen vor: dabei geht es prinzipiell um die Frage, welche Möglichkeiten der Sport schafft, um zur Integration von Migrant/-innen beizutragen, aber auch welche Probleme dabei bestehen können.Leider können bisher noch keine gesicherten Vorgaben für eine praktische Umsetzung (für Schulen, Vereine, Verbände, Trainer- und ÜL-Ausbildungen,...) dieser Überlegungen gegeben werden, da noch kaum wissenschaftlich begleiteten Praxiskonzepte erprobt wurden.
Erste Ansätze für die Praxis liefert z.B. eine Arbeitsgruppe an der DSHS-Köln. In einer Veröffentlichung mit dem Titel „Interkulturelle Bewegungserziehung (ERDMANN 1999)“ ist 1999 ein erster Zwischenbericht herausgegeben worden. Die Autoren befassen sich vornehmlich mit der Frage „ob und wie eine gezielte Bewegungserziehung die Integrationsprobleme interkultureller Gruppen verbessern kann“.
In diesem Zusammenhang werden noch über laufende Diplomarbeiten, Dissertationen etc. die bisher erarbeiteten Konzeptionen in der Praxis erprobt
und weiterentwickelt, so dass in absehbarer Zeit schon einige Orientierungshilfen und konkrete Anregungen für die praktische Umsetzung für Vereine und den Schulsport geliefert werden können.
Einige dieser theoretischen Überlegungen sind außerdem in dem kürzlich erschienen Positionspapier „Sport und Zuwanderung“ des LSB NRW mit eingeflossen.
Die Sportwissenschaft steckt bezüglich dieser Thematik leider noch in den Kinderschuhen, obwohl der Sport enorme Möglichkeiten bieten kann, allerdings sind auch Gefahren zu beachten, denn „Sport verbindet“ nicht per se, sondern kann sogar die Gräben zwischen multikulturellen Gruppen vergrößern.
Kritische Betrachtung bekannter Initiativen deutscher Sportorganisationen zu interkulturellen Begegnungen im Sport mittels einer Befragung (Stand: 1997) Im folgenden stelle ich Ergebnisse einer Befragung vor, die ausführlich in dem Buch von ERDMANN (1999) dokumentiert sind.
Dr. Harald Michels und H.-G. Schulz (DSHS-Köln) befragten 1997 bundesweit 104 Fachverbände und Dachorganisationen des Sports über Initiativen zu Interkulturellen Begegnungen im Sport. Dabei wurde erfragt, ob überhaupt Initiativen durchgeführt wurden. Falls JA, wurde weiter gefragt über die Konzeption und Struktur dieser Maßnahmen. Die genauen Fragebogenkriterien können in ERDMANN 1999 nachgelesen werden.
Zunächst zur Beteiligung der Sportorganisationen:
Die Gesamtbeteiligung lag bei 57,7%, d.h. 60 Rückmeldungen gingen ein. Davon waren 44 Fehlermeldungen, d.h. keine der Fragen wurde mit JA beantwortet und es wurden auch keine Materialien dokumentiert oder beigefügt. Von diesen 44 Fehlermeldungen wurden allerdings 25 mit aufschlussreichen Kommentaren versehen, von denen ich gleich einige zitieren möchte. 16 (15,4%) von 104 (100%) der angeschriebenen Verbände haben sich zur Zeit der Befragung mit diesem Bereich aus auseinandergesetzt und haben Initiative gezeigt.
Allein diese Zahl zeigt, wie wenige sich überhaupt mit der Thematik auseinandergesetzt haben. Beachtet man weiter die Qualität der Antworten und zudem die Kommentare der Fehlermeldungen, kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass es den befragten Institutionen zum einen an Problembewusstsein mangelt und zum anderen bei denen, die in dieser Richtung aktiv geworden sind, sich die interkulturellen Begegnungen im Sport weitgehend auf assimilative Maßnahmen beschränken: „Ausnahmen bestätigen die Regel“ (mit assimilativ ist hier eine Anpassung an die vorgegebenen Normen und Werte des dominierenden Systems gemeint).
Initiativen für interkulturelles Engagement im Sport waren eher die Ausnahme und vor allem fehlt es immer noch an einer aktiven Zusammenarbeit mit verbandsexternen Institutionen.
Es mangelt grundsätzlich nicht immer am Engagement. Dort wo Initiative gezeigt wird, sind diese häufig nur von kurzer Dauer, da es an Kooperationen, Ressourcen und anderer Unterstützung mangelt. Vor allem die Fachverbände sind einfach mit der Aufgabe überfordert, sich theoretisch mit dieser Thematik auseinander zusetzen. Abgesehen davon, dass es nicht zu deren Aufgabenbereich gehört. Deshalb kann man den Sportorganisationen grundsätzlich keinen großen Vorwurf machen. Auch die Sportwissenschaften haben die Verbände mit dieser Problematik allein gelassen.
Weiterhin wurde deutlich, dass solche Vorhaben nur erfolgreich sein können, wenn sie von einer integrationsfähigen und -willigen Ausländerpolitik unterstützt werden.
Prinzipiell ist also eine stärkere Kooperation der Sportorganisationen mit Hochschulen und politischen Institutionen gefordert!
Ursachenerklärungen – Ansatzpunkte für eine theoriegeleitete Praxis
Zu den Ursachen
Um die Problematik genau zu verstehen müssen einige theoretische Zusammenhänge und Verallgemeinerungen verdeutlicht werden, vor allem im Hinblick auf die Ursachensuche, um darauf aufbauend Lösungsansätze für die praktische Umsetzung zu entwerfen.
Aus zeitlichen Gründen kann ich auch hier nur einen Gedankengang grob skizzieren:
Ein Problem liegt häufig an den missverstanden Begrifflichkeiten wie z.B. Integration: Wie aus den Zitaten ersichtlich wird, gehen viele davon aus, dass Migrant/-innen schon allein dadurch integriert werden, dass sie am Sport teilnehmen (dürfen) (s. Zitate (1) und (2)).
Dies ist ein grundsätzliches Missverständnis, denn Sport führt nicht automatisch zur Integration. Ohne eine aktive, wechselseitige Auseinandersetzung zwischen den Einheimischen (Mehrheit) und der Minderheit (Migrant/-innen) einzelner Gruppen kann es nicht zu einer wirklichen Integration kommen, sondern nur zu Anpassungserscheinungen unter Aufgabe eigener Werte oder Lebensarten.
Diese Ansicht und Verhaltensweise wirft den Blick auf ein grundsätzliches Problem: den Umgang mit den Fremden, als Teilaspekt interkulturellen Lernens im Sport.
Der Umgang mit Fremden aus Sicht der Einheimischen, also der Dominanzkultur, wird von pragmatischen, politischen und ökonomischen Gesichtspunkten geleitet. Soziale Gebilde (wie Familie, Schule, Nation und z.B. auch der Verein) erheben den Anspruch zwischen Zugehörigkeit und Nicht-Zugehörigkeit zu unterscheiden (s. Zitate: (2) und (5)).
In unserer Gesellschaft herrscht häufig immer noch die Fiktion einer konsistenten Einheit oder Monokultur. Dies äußert sich in der Form, dass die Mehrheitskultur (z.B. Einheimische) den Anspruch auf Allgemeingültigkeit ihrer Normen und Werte legen.
Entscheidend für die Akzeptanz von Fremden (in diesem Beispiel: Migrant/-innen) ist häufig politisches Kalkül, d.h. die Frage, ob die Anwesenheit für die Stabilisierung des Gefüges funktional ist oder nicht – siehe Green-Card Diskussion. Eine Kosten-Nutzen-Kalkulation führt dann entweder zur Assimilation oder Ausgrenzung. (Assimilation: Indem der Fremde sich anpasst, löst er sich in Ähnlichkeiten auf und trägt zur Stabilisierung der dominanten Kultur bei.)
Daher ist der Zugang Fremder reglementiert (rechtlich und administrativ)! Der politische Raum ist durch Werte, Regeln und Gesetze Einheimischer bestimmt. Dies konstituiert Statusdifferenzen, die die Ansprüche der Mehrheit, also der Einheimischen, sichern sollen.
Diese Ungleichheitsstrukturen gewähren ihnen die Macht
Bedenkt man wie Fremdheit überhaupt erst entsteht, so wird die Ironie dieser Maßnahmen und Verhaltensweisen sehr deutlich. Fremdheit wird nur durch die Mehrheit, also in unserem Beispiel durch die Einheimischen konstruiert. Fremdes ist nicht die Eigenart des Anderen. Das Fremde oder der Andere wird vielmehr als fremd wahrgenommen. Fremdheit beginnt dort, wo Zugehörigkeit endet.
Zum Beispiel die Grenzziehung zwischen Deutschen und Ausländern konstruiert Fremdheit, obwohl viele dieser sog. Ausländer zum Teil seit Jahrzehnten in Deutschland leben und/oder hier geboren und aufgewachsen sind.
Eine fiktive Einheit der Deutschen wird suggeriert. In dieser Logik bleiben zugewanderte Menschen fremd.
Die Ausgrenzung verläuft dann im Wesentlichen nach zwei Mustern:
Um uns von dem Anderen abzugrenzen, wird Eigenes (also die eigene Persönlichkeit/Identität) betont. Solche Konfrontationen fördern eigentlich konstruktiv die Persönlichkeitsbildung. Leider verlaufen diese Prozesse nicht immer konfliktfrei.
Eine andere Lebensart oder anderes Verhalten werden als Angriff auf die eigene Art gedeutet. Derartige Konfrontationen verletzen das Sicherheitsgefühl und das Selbstbewusstsein derart, so dass es letztendlich zu Feindseligkeit und Abwehr kommen kann.
Diese Abwehrstrategien können wie folgt zusammengefasst werden:
Diese Abwehrstrategien finden sich auch kleineren sozialer Gefüge (nämlich auch innerhalb von Vereine oder Schule) wieder. Letztendlich fallen individuellen Unterschieden in Verhaltensweisen, Lebenseinstellungen und Gewohnheiten unter die Kategorie interkultureller Begegnungen. Daher richten wir den Fokus unserer Bemühungen bewusst auf das Individuum.
In diesem Zusammenhang wird auch direkt der Ansatzpunkt für die Bewegung und den Sport ersichtlich:
Der Körper und damit Bewegung gilt als wesentlicher Bezugspunkt der Persönlichkeit / Identität. Die Persönlichkeit wird über Verhaltensweisen (Gestik, typische Bewegungsverhalten) ausgedrückt. Eigene Befindlichkeiten, Empfindungen nehmen wir im und am Körper wahr.
Hierauf beziehen sich auch im Wesentlichen die im Folgenden vorgestellten Ansatzpunkt für die Praxis.
Konsequenzen für den Sport – Ansatzpunkte für eine theoriegeleitete Praxis
Aus diesen Überlegungen lassen sich inhaltliche und methodische Empfehlungen für den Sportunterricht in Verein und Schule nicht streng deduzieren. Es sind auf keinen Fall Maßnahmenkataloge im Sinne von Rezeptbüchern für interkulturelle Bewegungserziehung möglich und auch nicht sinnvoll.
Wichtiger für die Praxis ist für die dargestellten Zusammenhänge zu sensibilisieren! Es ist jedoch möglich, in Verbindung mit Offenheit und Kreativität der Lehrkräfte, Trainer oder Fortbildungsleiter in diesem Sinne Lerngelegenheiten zu schaffen.
Hier einige Beispiele, die diese Sinnrichtungen untermalen sollen:
Die bisherigen Erkenntnisse erprobter Unterrichts- und Fortbildungskonzepte, aber auch meine eigenen Erfahrungen aus Praxis zeigen, dass bei Berücksichtigung der vorgestellten Gedankengänge interkulturelle Bewegungserziehung eine fruchtbare Maßnahme zur Integration von Migrant/-innen, Behinderten Kindern etc. sein kann; grundsätzlich
findet die „Interkulturelle Bewegungserziehung“ überall dort seine Anwendung, wo es zur Ausgrenzung durch Differenzen kommt.
Für eine gezielte Interkulturelle Bewegungserziehung bieten sich erlebnisorientierte Spiel- und Sportformen, aber auch kreative Sportarten wie Bewegungstheater und Tanz an.
Abschließende Bemerkungen
Aber erstes Anliegen sollte immer sein, mit der Problematik vertraut zu sein und als sie ständig indirekt begleitenden Lernaspekt, bei der Planung und Durchführung von Unterricht, Fortbildungsveranstaltungen, Trainer- und
Übungsleiterausbildungen usw. im Hinterkopf zu halten, um immer auf potentielle Problem vorbereitet zu sein; um ihnen sozusagen nicht hilflos ausgesetzt zu sein.
Literaturverweis