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28.06.10

Sportvereine, ein Ort für alle Kinder und Jugendlichen

Hearing „Kinderarmut und Sportvereine“ am 27.06.2010 in Wetzlar

Die Teilnehmer/innen diskutierten in methodisch aufgelockerter Form über bereits bestehende Projekte und neue Ideen. Foto: Peter Krippendorf

Am 27.06.2010 fand in Wetzlar das Hearing „Kinderarmut und Sportvereine“ statt, zu dem der Vorstand der Sportjugend Hessen eingeladen hatte. Fast 30 Teilnehmer/innen folgten als Vertreter/innen ihrer Sportvereine, Sportkreise und Fachverbände dieser Einladung und dokumentierten damit die Bedeutung des Themas.

„Unser Ziel ist es, dass alle Kinder und Jugendlichen, unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Familie, Sport in den hessischen Vereinen treiben können“, so die Vorsitzende der Sportjugend Hessen, Juliane Kuhlmann. Dafür gelte es nun Partner zu gewinnen, mit denen in den nächsten Monaten möglichst viele neue kreative Projektideen auf den Weg gebracht werden und tragfähige Strukturen geschaffen werden sollen.

In ihrer Begrüßung machte Juliane Kuhlmann auch deutlich, dass es beim Bestreben, allen von Armut betroffenen Kindern und Jugendlichen die Teilhabe am Sport im Verein zu ermöglichen, nicht etwa um ein hübsches Extra geht. Vielmehr handele es sich bei Bewegung und Sport und der Möglichkeit, soziale Gemeinschaft im Verein zu erleben, um elementare Voraussetzungen für ein gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen. Ausgrenzung zu verhindern und Chancengleichheit zu gewährleisten seien jedoch in allererster Linie Aufgabe einer verantwortungsvollen Sozialpolitik, so ihr Appell.

Umso höher sei das Engagement derjenigen Sportvereine, -kreise und verbände zu bewerten, die in Hessen bereits auf z. T. ganz unterschiedliche Weise gegen die Auswirkungen von Kinderarmut aktiv sind. Dieses Hearing solle nun der Startschuss für ein gemeinsames und koordiniertes Vorgehen in Hessen sein.

Impulsbeiträge

Gerda Holz vom Institut für Sozialarbeit und Sozialforschung in Frankfurt führte in die Thematik Kinderarmut ein und machte noch einmal deutlich, dass das Problem auch in Hessen angekommen ist. Fast 130.000 Kinder unter 15 Jahren lebten zu Beginn dieses Jahres von Sozialgeld, Tendenz steigend. Gerda Holz beschrieb, wie Kinder Armut erleben und bewältigen und wie sich ihr Leben in Folge der Armut von dem Gleichaltriger unterscheidet. Gerade auf kulturelle und sportliche Aktivitäten im Verein würde häufig verzichtet. Es folgte eine Zusammenstellung zentraler Faktoren einer kindbezogenen Armutsprävention sowie Hinweise wie Sportverbände und Vereine präventiv tätig werden können – ggf. mit wichtigen Kooperationspartnern, die die Vereine bei der Arbeit unterstützen.

In einigen Bundesländern haben Landessportbünde bzw. die Sportjugenden bereits Programme gegen Kinderarmut gestartet. Andreas Roll (Sportjugend Hessen) zeigte die unterschiedlichen Facetten einiger ausgewählter Programme auf und illustrierte die mögliche Spannbreite eines verbandlichen Engagements. Die Sportjugend Hessen steht vor der Herausforderung, diese Erfahrungen und Modelle eher kleinerer Bundesländer (Hamburg, Berlin, Schleswig-Holstein) auf die Situation in einem Land der Größe Hessens zu beziehen und ein eigenes Programm zu entwickeln. Einig war man sich beim Hearing, dass ein Engagement sowohl für die beteiligten Vereine, Sportkreise und Verbände als auch für die Sportjugend nicht mit übermäßigem bürokratischem Aufwand einhergehen darf. In diesem Zusammenhang kann möglicherweise das Modell der „Vertrauens-Coaches“ (Rheinland-Pfalz) beispielgebend sein. Vertrauens-Coaches werden in diesem Modell von der Landesebene ausgebildet und können selbständig in ihren Vereinen Projekte gegen Kinderarmut initiieren. Ein Budget wird den teilnehmenden Vereinen zur Verfügung gestellt.

Der Vorsitzende des Sportkreises Marburg, Dr. Franz Nitsch, referierte anschließend über zwei erfolgreiche hessische Programme auf Sportkreisebene. In Marburg geht man erfolgreich einen Weg, der ganz bewusst nicht vordergründig am Thema Armut ansetzt und trotzdem die Zielgruppe von Armut betroffener Kinder erreicht. In Kooperation mit Schulamt und dem Fachdienst Gesundheit erhalten Kinder, bei denen eine Bewegungsförderung angezeigt erscheint, ein so genanntes „Rezept auf Bewegung“. Zahlreiche Vereine führen für diese Kinder nun spezielle Angebote unter dem Titel „Ich mach’s für mich – Bewegungsförderung für Kinder“ durch.

Unter dem Slogan „Bock auf Bewegung“ wurden an alle Grundschulkinder im Sportkreis Gutscheine für eine einjährige Mitgliedschaft im Sportverein verteilt. Auf diese Weise fanden im Jahr 2009 321 Kinder der Klassen 1 bis 4, die vorher noch in keinem Sportverein Mitglied waren, den Weg zum Sportverein. Finanziert wird diese Aktion, die auch 2010 fortgesetzt wird, mit Hilfe regionaler Sponsoren.

Diskussionsrunde

Nach diesen einführenden Beiträgen ging es in eine sehr lebendige Berichts- und Diskussionsrunde, die von Angelika Ribler (Sportjugend Hessen) moderiert wurde. Einige Sportkreise und Vereine konnten bereits über eigene Projekte und Erfahrungen berichten - so z.B. Andrea Zemke (Sportkreisjugend Dieburg) und Wieland Speer (Sportkreisjugend Frankfurt) über Modelle zur Finanzierung von Vereinsmitgliedschaften und Eva Gensheimer über das Kinder- und Familienzentrum (KIFAZ) der SG Bornheim Grün-Weiss. Auch die Sportjugend Hessen ist mit dem Programm „Integration durch Sport“ bereits vielerorts Förderer bzw. Partner in lokalen Netzwerken.

In der Diskussion wurden verschiedene Dinge deutlich: Was die künftigen Anforderungen an die Landesebene und damit auch die Sportjugend angeht, sind vor allem die Mitwirkung beim Aufbau landesweiter Strukturen und Kooperationen, die Durchführung bzw. Unterstützung regionaler und überregionaler Fachgespräche/Hearings mit Vereinvertreter/innen und die Schaffung von Informations- und Kommunikationsplattformen zu nennen.

Was in größeren Städten oder Vereinen funktioniert, ist nicht unbedingt für kleine Vereine umsetzbar. So wird eine wichtige Aufgabe darin gesehen, geeignete Modelle auch für kleinere Vereine zu entwickeln. Als maßgeblich für den Erfolg vieler Projekte wird die Auswahl geeigneter Kooperationspartner gesehen, z.B. aus den Bereichen Schule, Jugendpflege und Gesundheit, ebenso die Sensibilisierung und Qualifizierung von Vereinen / Organisationen und den dort handelnden Personen. Nach den vorliegenden Erfahrungen scheint die Einwerbung von Sponsorenmitteln, auch und gerade auf lokaler bzw. regionaler Ebene, eine durchaus lösbare Aufgabe zu sein.

Ideenwettbewerb

Zum Abschluss des Hearings wurde ein Ideenwettbewerb präsentiert, den die Sportjugend vom 1. September bis zum 15. Oktober dieses Jahres durchführen wird. Die Sportjugend möchte mit diesem Wettbewerb die Arbeit der Sportvereine, -kreise und -verbände unterstützen, denn viele von ihnen engagieren sich bereits für Kinder und Jugendliche aus armen Familien oder planen zumindest ein solches Engagement. Noch im Laufe des Monats Juli wird die offizielle Ausschreibung dieses mit attraktiven Geldpreisen versehenen Ideenwettbewerbs erfolgen, ab 1. September können die Bewerbungsunterlagen bei der Sportjugend angefordert werden.

 

In ihrem Fazit zeigte sich Juliane Kuhlmann zufrieden mit dem Verlauf des Hearings. Wie es in Hessen auf Landesebene konkret weitergeht, werde nicht zuletzt von den Gesprächen abhängen, die gerade mit potentiellen Unterstützern geführt werden. Wenn es jedoch nach den Vorstellungen der Vorsitzenden und den seitens der Teilnehmenden des Hearings geäußerten Wünschen geht, dann wird die Sportjugend spätestens mit Beginn des Jahres 2011 mit einem breitgefächerten Maßnahmen- und Förderprogramm antreten.

 

Alle Vorträge und Arbeitsergebnisse des Hearings werden übrigens in Kürze ebenso wie die Wettbewerbsunterlagen auf der Homepage der Sportjugend Hessen zum Download bereitstehen.

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